Sonntag, 15. November 2009
Selbstbefriedigung mit Robert Enke
100.000 Menschen trauern um einen Mann, der sich vor einen Regionalzug geworfen hat. Die Menschen können nicht mehr trauern, Trauer wird zum Event. Ein Popereignis. Größer, schöner, emotionaler. Unsere Gesellschaft ist völlig aus den Fugen geraten, hat jeden Maßstab verloren. Reporter halten Trauergäste das Mikrophon ins Gesicht und fragen: „Wie hat Ihnen die Trauerfeier gefallen?“ Viele haben jedes Maß, jedes Gefühl, jeden Respekt verloren. Heute betrauern 100.000 den Tod eines Fußballers. Die gleichen 100.000 feiern morgen den Sieg der Fußballweltmeisterschaft. Warum auch nicht. Es wechseln nur die Vorzeichen, der Rest ist gleich. Poplieder werden gesungen (You never walk alone). Redebeiträge werden genauso beklatscht wie Tore, der Kongress tanzt. Selbstkritisches ist zu hören, von immer den Gleichen, mit immer den gleichen Floskeln, egal ob jemand stirbt oder ein Spiel verloren geht: „Der Tod – respektive die Niederlage – soll uns zum Nachdenken anregen, sonst wäre er/sie ohne Bedeutung“.

Ein Mann scheidet selbstbestimmt aus dem Leben und die Nation feiert eine große Party, der Psychologe und die Ehefrau entern die Mikrophone, eine Landesbischöfin schmeißt sich in Schale. Keine Gegenstimme ertönt, bzw. keine Gegenstimme wird übertragen. Auf den noch glimmenden Resten eines Prominentenlebens kochen möglichst viele ihr eigenes Süppchen. Die Fußballverantwortlichen üben sich öffentlich in Demut und suchen gleichzeitig nach Ersatz. Die Medien schlachten das Thema Depression aus, setzen so genannte Experten ans Telefon und warnen öffentlich vor dem Todschweigen und hoffen heimlich auf Nachahmertäter.
Ein großes Geheul setzt ein über die Unmöglichkeit, in dieser Gesellschaft zu seinen Schwächen zu stehen. Oh Ihr Pharisäer. Was macht Ihr denn mit einem Politiker, einem Sportler, einem Großindustriellen, der sich zu seinen Depressionen bekennen würde? Was war denn mit Sebastian Deisler (Depression -abgeschrieben), was denn mit Sven Hannawald (burn-out). Ihr Heuchler und Krokodilstränenproduzierer. Euch ist alles egal. Ihr schielt auf die Quote, Ihr haltet die Kameras gnadenlos drauf, ihr gebt Euren Trauerstimmen ein tiefes Timbre. Ihr lügt und betrügt alle und Euch selbst und merkt es oft gar nicht mehr. „Wir haben gerade die Bilder der Trauerfeier von Robert Enke gesehen. Es fällt schwer jetzt über den SPD-Parteitag zu sprechen“. Nein, das stimmt nicht. Ihr müsstet sagen: „Komisch, wie leicht es fällt von einem Thema auf das andere zu schwenken.“ Warum seid Ihr nicht so ehrlich und steht dazu, zur Wahrheit des Menschen. Die, die heute auf Enkes Trauerfeier stehen, brüllen und schreien am nächsten Tag genauso fröhlich beim nächsten Spiel. Wenn das so ist, dann lasst es uns doch akzeptieren, hört auf Euch Scheinwelten aufzubauen.

Ein Sarg steht auf einem Spielfeld. 100.000 blicken drauf. 80 Prozent denken sich, da liegen doch bestimmt nur Stücke, Fetzen drin. Keiner spricht es aus. Warum nicht? Es wäre ein Tabubruch. Wir haben überhaupt keine Ahnung mehr von Tabus. Wir haben überhaupt keine Zeit mehr. Wir leben Ex und Hopp. Der ein oder andere mag sich denken, blöd, für mich würde es nie so eine Trauerfeier geben. Diese Art von Betrauerung setzt neue Maßstäbe. Was haben wir uns lustig gemacht über die großen Paraden, zu Jahrestagen oder zu Sterbetagen in diktatorischen Ländern, mit Fackelzügen und Blasmusik. Hier laufen die Leute freiwillig, dort mussten sie hingekarrt werden. Ach ja. Wie freiwillig, wie eigenwillig können Menschen entscheiden, wenn die öffentliche Meinung den Takt vorgibt. Es zuckt doch in den Fingerspitzen, es einmal auszuprobieren, einmal die ganze Maschinerie in Gang zu setzen, um auch für Lieschen Müller ein solches Event zu starten. Wir sind besinnungslos geworden, unser Leben spielt sich in der Masse ab und wer nicht dazugehören will ist selbst schuld.

Liebe schwule Fußballspieler: Kann sich bitte mal einer von Euch vor einen Regionalzug schmeißen, sonst wird das doch nie glaubwürdig thematisiert. Ich höre schon Herrn Zwanziger!

Das Magazin Titanic macht sich seinen Reim:


und erntet folgenden Kommentar:

Datum: Wed, 11 Nov 2009 20:06:35 +0100
Von: Thorsten T*****

absolut bemittleidenswert was ihr macht. euch sollte man wie die juden vergasen und davor eure kinder vor euren augen bei lebendigen leib verbrennen. kein respekt vor der würde des menschen. richtig behindert seid ihr. das hat überhaupt nichts mehr mit satire zu tun.
Quelle Karikatur und Kommentar: www.titanic-magazin.de

... comment